Immer der Stimme nach

 
8 Mag ich
1 Sekunde

Marcel Heim ist Teamleiter der Guides im Frankfurter Dialogmuseum. Dabei führt er täglich vier bis sechs Kleingruppen durch einen Parcours in absoluter Dunkelheit, vorbei an alltäglichen Orten wie einem Markt, einer vielbefahrenen Straße oder einem kleinen Park. Der 29-Jährige ist durch einen Gendefekt seit acht Jahren blind. Seine Lebensplanung und seinen Traumberuf als Spitzenkoch musste er daher aufgeben.

komplett schwarz

Ein Besuch im Dialogmuseum

Heute begleitet Marcel nicht nur Sehende durch die Dunkelheit, sondern spielt auch von Anfang an in der Blindenfußball Bundesliga mit und hat außerdem eine Umschulung zum Fachinformatiker absolviert.

 

 

 

 

Marcel, beim „Dialog im Dunkeln“ führst du die Besucher durch nachgestellte Alltagssituationen. Wo genau ist da der Dialog?

Erst einmal den Einblick zu bekommen, wie es ist, absolut gar nichts zu sehen. Und der Dialog ist ja, die ganze Zeit auf die Stimme zuzulaufen und zum Schluss in der Dunkelbar Fragen zu stellen. Man soll da in einen Dialog kommen und dann vielleicht auch mal Draußen einen Blinden ansprechen – „Kann ich Ihnen helfen?“… Um danach in der sehenden Welt die Augen ein wenig mehr zu öffnen. Das ist zumindest meine persönliche Ansicht.

Aber anschließend noch mit raus in die Helligkeit kommen die Guides nicht?

Nein, normalerweise nicht. Das ist dann ein Gefühl wie im Zirkus, wie im Zoo. Alle stehen da und starren und keiner sagt ein Wort. Jeder hat ein anderes Bild vor Augen und ich kann ja auch nicht sagen „Ich will dich jetzt sehen“. Es ist zwar jedem Guide selbst überlassen, aber die wenigsten zeigen sich im Hellen. Außer bei Kindergeburtstagen, da gehört das dazu. Ich bin in anderthalb Jahren bei zwei oder drei Gruppen mal mit raus gegangen, weil sie einfach super nett waren.

Bei welchen Stationen im Museum kannst du als Guide und Teamleiter selbst Ideen einbringen?

Wir haben zum Beispiel ein Programm, das nennt sich unsichtbarer Freund. Das ist für Kinder, so für die 6. Klasse. Die machen nur eine ganz kurze Tour und gehen danach raus auf die Straße. Da sollen sie dann einem Blinden beim Führen helfen und einen Fragebogen darüber ausfüllen.
Jetzt gerade ist auch noch ein Projekt, wo ich mit involviert bin: Mission Invisible. Das ist dann eher actiongeladen und soll teambildend wirken. Jeder ist ein Agent, jeder hat eine Aufgabe. „Sucht die Drogen im Frankfurter Park“ oder so etwas.

Gab es auch schon außergewöhnliche Reaktionen von Gästen? Zum Beispiel, dass sie die Tour vor Angst abgebrochen haben?

Mir wurde mal gesagt, ein Prozent der Gäste bricht schon ganz am Anfang ab. Wenn ich mitbekomme, dass einer raus will, frage ich erst noch mal. Wenn einer natürlich schon am Zittern ist, bringe ich ihn natürlich sofort raus. Die meisten versuchen es aber und sobald man die Brücke als erstes Hindernis überwunden hat, will auch kaum noch jemand raus.

Gästen ist aufgefallen, dass du die Teilnehmer sofort an ihrer Stimme zuordnen kannst. Ist dein Gehör besser als das von Sehenden?

Ich höre nicht besser, ich nutze es einfach besser. Neulich ist mir erst aufgefallen, dass ich als gelernter Koch natürlich die super Basis für einen Blinden habe: Ich musste ganz viel im Kopf haben und mir alles merken,  was in der Speisekarte steht, wie lange etwas dauert, wie man alles koordiniert. Und der Rest ist Übungssache.

Neulich ging ein Fall durch die Presse: Saliya Kahawatte ist mit 15 blind geworden und hat es vertuscht, sich in der Gastronomie nach oben gearbeitet und keiner hat seine Blindheit bemerkt.

Ja, davon hab ich gehört. Ein Kumpel meinte zu mir: „Oh je, noch so einer wie du.“ Ja, das ist einfach Gastronomie: Man muss wissen, wo was steht. Die Erblindung zu vertuschen, geht bis zu einem bestimmten Grad. Und das nächste ist dann, als es rauskam – der Absturz. Vertuschen bringt doch nichts.

Du musst dich außerhalb des Museums in einer Welt der Sehenden zurechtfinden, bist viel unterwegs. Wo gibt es im Alltag noch Defizite für Blinde?

Die Entwicklung geht schon voran. Teilweise auch staatlich angeordnet, wie die akustischen Ampeln, die Leitlinien an den Ampeln und Bahnhöfen. Wenn sie es nicht vergessen, wie am Bahnhof Berlin. Es gibt eben viele Kleinigkeiten, wie zum Beispiel den Knopf an den Haltestellen, wo durchgesagt wird, welche Linie jetzt kommt. Gibt es hier in Frankfurt nicht. Böse gesagt – Frankfurt ist blindenunfreundlich. Und ich komm durch den Fußball gut rum in Deutschland. Die Entwicklung kommt erst nach und nach.
Dazu kommt aber noch die Blindheit der Menschheit. Jeder hat seine Scheuklappen auf und sieht nicht, was links und rechts ist. Wenn ich mit meinem Stock jemanden am Fuß erwische, werde ich teilweise noch blöd angemacht. Und dann kriegen sie erst auf den fünften Blick mit – ach ja, der hat einen Stock, ist wohl ein Blinder, geh ich mal auf die Seite.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Weitere Informationen:

Die Homepage des Dialogmuseums: http://dialogmuseum.de/

Marcel Heims brandneues Blog: http://blind-gaenger.blogspot.de/

Website zur Bundesliga des Blindenfußball (Marcel Heim spielt beim VSV- Würzburg): http://www.blindenfussball.de/?id=320

 

Corinna Günther

Ich bin eine sprachbegeisterte Hobby-Fotografin mit Liebe zum Detail. Seit der Lektüre von Pascal Merciers "Nachtzug nach Lissabon" verliebt in die Philosophie, möchte ich das Leben im Alltag mit mehr Achtsamkeit beobachten, genießen und verknüpfen.

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