Eine Welt in Schwarz und Weiß

 
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Sie kämpft jahrelang für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Bis sie einen immensen Rückschlag erleidet und sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen muss – weil sie die falsche Hautfarbe hat. Nein, Rachel Dolezal ist nicht schwarz. In diesem Fall ist die „falsche“ Hautfarbe weiß. Die Geschichte klingt verworren und paradox und sorgt zur Zeit nicht nur innerhalb der USA für heftige Diskussionen.

Ihre Kindheit verbrachte Rachel mit ihren Eltern, ihrem leiblichen Bruder und zwei Adoptivbrüdern im amerikanischen Jackson, Mississippi. Heute ist sie in den USA als Menschenrechtsaktivistin bekannt. Immer wieder engagiert sie sich für die Rechte von Schwarzen. Dabei scheint sie sich immer mehr selbst als Schwarze zu sehen. Bei der lokalen Polizei gibt sie für die Bewerbung als Ombudsfrau für die schwarze Community die falsche Ethnie an und bekommt den Job. Ist die Lüge, die Rachel aufbaut, ein Mittel zum Zweck? Oder ist es sogar eine rassistische Haltung – nur in umgekehrter Weise, als man es sonst so erfährt?

Immer mehr arbeitet Rachel an dem Bild, das sie von sich in der Öffentlichkeit präsentieren möchte. Auf Facebook gibt sie zeitweise einen schwarzen Mann als ihren Vater aus und ihren jüngeren Adoptivbruder, für den sie früh Verantwortung übernehmen muss, bezeichnet sie als ihren Sohn. Bei all der Farce muss sie jedoch auch ihre offensichtlich weißen Eltern geheim halten und distanziert sich so auch privat immer weiter von ihnen.

Als augenscheinliche Afroamerikanerin schafft es Rachel Dolezal, sich über die Jahre hinweg einen künstlerischen und politischen Ruf zu machen. Neben ihrer Position als Ombudsfrau lehrte sie an der Eastern Washington University Afrika-Studien und war Präsidentin der lokalen National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) in Spokane, Washington. Außerdem malte sie Bilder, die ebenfalls die ethnische Stellung von Afroamerikanern thematisieren.

Medienrummel um die „weiße Schwarze“

Im Juni 2015 kam es nun zum Bruch. Durch eine Äußerung ihrer Eltern tritt Rachels „wahre“ Hautfarbe ans Licht. Jugendbilder zeigen eine blonde und hellhäutige Rachel; die Beweise sind eindeutig. Die Folgen: Durch den steigenden gesellschaftlichen Druck auf ihre Person tritt Rachel bei der NAACP zurück und vermeidet fortan öffentliche Auftritte. Außerdem wird gegen sie wegen Verdacht auf Betrug ermittelt.

Die Zeit und andere Medien debattieren über den Beweggrund der Tat. War es Narzissmus? Brisant ist das Thema vor allem aufgrund seiner umgekehrten Positionslage. Dass eine Schwarze weiß sein soll – das kann anscheinend jeder nachvollziehen. Michael Jackson Style. Doch anders herum? Afroamerikaner werfen Rachel Dolezal vor, sie sei nur dann „schwarz“ gewesen, wenn es ihr ein Vorteil war. Das „echte Leid“ habe sie jedoch nie kennen gelernt.

Eine Hautfarbe, die weltweit Diskussionen auslöst: Rachels Gesicht ist mal heller, mal gebräunter, aber weder weiß noch schwarz, so wie kein menschliches Gesicht wirklich „weiß“ oder „schwarz“ ist. Die Haare trägt sie im sogenannten „Afro-Look“, was wahrscheinlich den größten Aspekt des „schwarzen“ Äußeren ausmacht. Ihre Geschichte ist einfacher zu malen als zu beschreiben: Ein weißer Klecks Farbe, der immer dunkler wird und plötzlich wieder völlig weiß ist. Doch Rachel ist ein Mensch und keine Leinwand.

Corinna Günther

Ich bin eine sprachbegeisterte Hobby-Fotografin mit Liebe zum Detail. Seit der Lektüre von Pascal Merciers "Nachtzug nach Lissabon" verliebt in die Philosophie, möchte ich das Leben im Alltag mit mehr Achtsamkeit beobachten, genießen und verknüpfen.

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