Toleranz ist nicht genug

 
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Vor einigen Jahren hatte ich ein sehr erhellendes Erlebnis in einem Online-Chatroom.

Als ich zu einem mir relativ unbekannten männlichen Nutzer eine Bemerkung machte, die ihn sehr schnell ziemlich wütend gemacht hat: Ich habe ihn gefragt, ob er eine Freundin oder einen Freund hätte. Er ist mich sofort angegangen, ob ich ihn denn für schwul halten würde und was ich mir denken würde, sowas einfach anzunehmen. Ich war einfach nur fassungslos. Habe ruhig erklärt, dass ich offen gegenüber Schwulen und Lesben bin und ihm keinesfalls irgendetwas unterstellt habe, sondern lediglich die Möglichkeit in Betracht gezogen habe. Und dass genau das für mich Toleranz ist. Heute weiß ich, das ist nicht Toleranz. Tolerant war dieser unbekannte Chatter, der im Nachhinein, als mir andere Nutzer zu Hilfe gekommen sind, seinen Fehler eingesehen hat. Natürlich sei er auch tolerant. Er habe nichts gegen Schwule. Achja? Aber mit einem im gleichen Satz genannt zu werden geht zu weit oder wie?

Zu viele Menschen behaupten von sich, tolerant zu sein. Tolerant kommt vom lateinischen tolerare, was „ertragen, aushalten“ bedeutet. In diesem Sinne ist Toleranz wohl nicht das, was ich als erstrebenswert erachte. Es reicht nicht, die Existenz von „Andersartigkeit“ zu ertragen. Erst wenn es für dich keinen Unterschied mehr macht, ob dein Gegenüber Frauen oder Männer oder beide (oder keinen) liebt – dann bist du wirklich offen. Leider sind wir in unserer Gesellschaft erst an dem Punkt angekommen, wo ein Großteil der Leute lediglich tolerant ist.

P.S.: Selbstverständlich ist das auch auf sämtliche anderen Fälle von „Andersartigkeit“ anwendbar – Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, Hobbies…

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Corinna Günther

Ich bin eine sprachbegeisterte Hobby-Fotografin mit Liebe zum Detail. Seit der Lektüre von Pascal Merciers "Nachtzug nach Lissabon" verliebt in die Philosophie, möchte ich das Leben im Alltag mit mehr Achtsamkeit beobachten, genießen und verknüpfen.

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