„Eines Tages werden wir alt sein“

 
8 Mag ich
1 Sekunde

„Eines Tages werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.“ Diese Zeilen kommen euch vielleicht bekannt vor – sie stammen von der Poetry Slammerin Julia Engelmann, die die Worte aus einem Song entnommen hat. Ich sehe die Welt ein bisschen anders.

Natürlich sollten wir hin und wieder unseren inneren Schweinehund besiegen und Chancen nutzen. Natürlich sollten wir das Beste aus unserem Leben machen. Aber wie und warum? Um am Ende etwas zu erzählen zu haben? Die Begründung scheint mir doch mehr als fragwürdig. Etwas tun, um später davon zu erzählen. Um nicht „traurige Konjunktive“ verwenden zu müssen.

Welche Beispiele nennt Julia Engelmann?

Sie spricht davon, einen Marathon zu laufen, die Buddenbrooks zu lesen oder wach zu bleiben, bis die Wolken lila sind. Warum mache ich diese Dinge nicht? Weil ich fürchte, etwas zu verlieren? Nein. Ich mache sie nicht, weil ich keine Lust darauf habe, weil ich zu müde bin zum wachbleiben oder zu gelangweilt, um die Buddenbrooks zu Ende zu lesen – was ich beides sehr gut verstehen kann.

Die Angst davor, weniger zu „leben“ als andere

Der Slam zielt ab auf eine Mentalität, die ich schon oft und bei vielen Leuten beobachtet habe. Mach das! Komm mit! Geh raus! Trau dich was! Du schwitzt und hast Schmerzen? Du stehst mitten in einer Menschenmasse und hast die Band nur von Weitem gesehen? Du wärst eigentlich ganz gern auf der Couch? Aber hey, du hast was zu erzählen, wenn du alt bist. Die Zeit auf der Couch, die zählt ja nicht. Es zählt nur, was du später erzählen kannst. Um nichts zu bereuen.

Heute muss man Erlebnisse sammeln, wie man Jobs für den Lebenslauf sammelt. Es kommt immer nur drauf an, dass man sich hinterher erinnert und möglichst vielen Leuten sagen kann: „Ich war da!“. Dabei sollte man sich fragen, ob nicht eher ein „Jetzt geht es mir gut“ zählt. Gedankenloses Sammeln von Erlebnissen, um bloß nichts zu versäumen. Und es anderen aufzwängen wollen. Denn nur noch das zählt in der Gesellschaft: „Irgendwann werden wir alt sein“.

Meine Lebenseinstellung zielt auf das Jetzt. „Lebe den Tag“ heißt es doch so schön. Für mich bedeutet das wohl etwas anderes als für Julia Engelmann. Ich möchte mich wohlfühlen, möchte Spaß haben und meine Zeit genießen. Wenn ich das heute besser auf der Couch kann als beim Marathon, dann bleibe ich auf der Couch. Wenn ich spontan Lust habe, per Anhalter nach Hamburg zu fahren, dann mache ich das. Im Jetzt zu leben heißt nicht, sich gehen zu lassen. Es bedeutet aber auch nicht, jeden Scheiß mitzumachen, um später davon erzählen zu können.

Doch in einem Punkt muss ich der Slammerin Recht geben: Wir können uns ruhig sagen, was wir uns bedeuten. Dafür sollte es keinen Schweinehund geben, das ist eine ganz andere Geschichte. Gefühle zu offenbaren hat für mich nichts gemeinsam mit Buddenbrooks lesen. Alle anderen Beispiele kann ich nicht nachvollziehen.

Wer den Slam von Julia Engelmann nicht kennt, kann ihn sich hier anschauen:

Corinna Günther

Ich bin eine sprachbegeisterte Hobby-Fotografin mit Liebe zum Detail. Seit der Lektüre von Pascal Merciers "Nachtzug nach Lissabon" verliebt in die Philosophie, möchte ich das Leben im Alltag mit mehr Achtsamkeit beobachten, genießen und verknüpfen.

One Comment:

  1. Bei diesem Artikel kann ich eigentlich nur „Ja und Amen“ sagen.
    Es nutzt mir ja auch nichts, am Ende des Lebens zu sagen „Ja, ich war dabei. Aber es war gar nicht so toll, wie immer alle sagen.“

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