Fotografie oder Leben!

 
19 Mag ich
1 Sekunde

In der 12. Klasse bin ich das erste Mal auf das Phänomen gestoßen: In „Homo Faber“, Deutsch Leistungskurs. In dem Werk von Max Frisch wird der Protagonist dafür verurteilt, seine Kamera ständig bei sich zu tragen. Was ich damals als „Moral von der Geschicht'“ mitgenommen habe: Wer ständig alles auf Fotos festhalten möchte, der lebt sein Leben nicht richtig.

Seitdem habe ich immer wieder darüber nachgedacht. Einerseits liebe ich die Fotografie, andererseits bin ich ein starker Verfechter von Achtsamkeit und der Liebe zum Moment. Sogar dieser Blog ist danach benannt – Phil-hora heißt für mich so etwas wie „Freund des Augenblicks“. Die Fotografie scheint häufig als Hindernis für Achtsamkeit gehalten zu werden. Muss ich mich also entscheiden?

Den Moment „richtig“ genießen

Ein Fotograf im GebirgeStellen wir uns vor, wir sind alleine oder zu zweit auf einem einsamen Berg und betrachten einen wunderschönen Sonnenuntergang. Ist es jetzt besser, die Kamera vors Auge zu halten und ein Foto zu machen oder bewusst darauf zu verzichten?

Ich finde ja, dass man trotz Liebe zur Achtsamkeit ein leidenschaftlicher Fotograf sein kann. Es geht ja darum, nicht nur durchs Objektiv zu blicken. Und ganz ehrlich – ich kann den Moment manchmal viel besser genießen, wenn ich vorher mein Foto gemacht habe. Das bedeutet ja nicht, dass ich wie eine Art visueller Schnäppchenjäger nur noch mit der Kamera vorm Auge herum laufe.

Und schließlich muss ich sogar sagen, dass das Fotografieren für mich nicht unbedingt hinderlich für Achtsamkeit ist. Im Gegenteil: Sobald ich eine Kamera in der Hand halte, nehme ich mein Umfeld viel bewusster wahr. Als Fotografin schaue ich automatisch auf Lichtverhältnisse, Formen und passende Motive. Dadurch bekomme ich einen ganz neuen Blick auf die Welt.

„Steck das Ding endlich weg!“

Neben der ganz persönlichen Frage, ob man zur Kamera greifen möchte oder lieber auf Erinnerungsfotos verzichtet, ist das Fotografieren manchmal auch ein soziales Thema.

Auf Familienfeiern beispielsweise bin ich schon häufiger in diese Bredouille gekommen. Böse Blicke von Verwandten, weil ich ihrer Meinung nach die Kamera weg packen sollte. Nach dem Motto: „Man muss ja nicht alles festhalten!“

Viele fühlen sich auch durch die Anwesenheit der Kamera zu sehr beobachtet und dadurch gestört, was ich natürlich nachvollziehen kann. Auf der anderen Seite sind hinterher eigentlich alle froh, schöne Erinnerungen zu haben. Und noch dazu macht es mir selbst einfach richtig viel Spaß, tolle Motive zu entdecken und Bilder herzustellen.

Erinnerungen vs. Kunst

Kamera auf Statue gerichtetJa, es geht mir beim Fotografieren eigentlich selten um das „Festhalten“ eines Augenblicks, sondern mehr um die Kunst, etwas Neues zu erschaffen. Das gilt für mich bei Familienfeiern genauso wie bei Sonnenuntergängen. Und hier liegt wahrscheinlich der Knackpunkt:

Wer ständig fotografiert, um bloß nichts zu verlieren oder zu vergessen, der verpasst am Ende wohl wirklich etwas. Es kommt also auf die Gründe an.

Wie so oft muss man wohl einen Kompromiss schließen. Ich habe meine Kamera dabei und fotografiere, solange es mir Spaß macht. Dabei stecke ich sie immer wieder bewusst weg und lege eine Pause ein. Und zuletzt achte ich darauf, dass ich kamerascheuen Mitmenschen möglichst deutlich mache, dass ich sie nicht bloßstellen will. So kann ich die Fotografie genießen und gleichzeitig den Augenblick.

Corinna Günther

Ich bin eine sprachbegeisterte Hobby-Fotografin mit Liebe zum Detail. Seit der Lektüre von Pascal Merciers "Nachtzug nach Lissabon" verliebt in die Philosophie, möchte ich das Leben im Alltag mit mehr Achtsamkeit beobachten, genießen und verknüpfen.

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